Pünktlich zum Start der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin– so ist es zumindest in sämtlichen überregionalen Medien nachzulesen – ist den Einheimischen ein Defizit an Freundlichkeit an sich aufgefallen. Zumindest ist es den Medien aufgefallen. Oder den Veranstaltern? Oder gar den Touristen? Nicht auszudenken!
Ja, der Umstand, dass man mit Touristen sein Geld verdienen möchte, ist schon eng gekoppelt an so etwas wie Freundlichkeit – das lernt schon jeder Azubi im Hotel. Aber dass gleich eine ganze Stadt überlegt, ob die bis in alle Welt hinaus bekannte „Kodderschnautze“ jetzt ein wenig Lipgloss braucht, ist schon nett – freundlich formuliert.
Aber kann man denn wirklich erwarten, dass sich alle Berliner pünktlich zur ITB so etwas wie einer Gewissensfrage unterziehen sollten? Was genau macht denn „den Berliner“ für Touristen so unfreundlich? Ist das nicht diskriminierend? Oder hat es gar System? Immerhin kommen die Touristen ja nicht in erster Linie wegen der Einheimischen sondern wegen der vielen von Steuergeldern subventionierten und frisch renovierten Museen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Manche kommen sogar gleich mit dem Zug. Selbst als man damit noch am Bahnhof Zoo ankam, gab es ja zumindest schon mal die malerischen Spreeboot-Fahrten oder die szenigen Künstlerviertel. In jüngster Zeit kann man ja auch noch unterstellen, dass einige sich erhoffen, mit viel Glück Brad Pitt auf offener Straße zu treffen. Aber wegen der Berliner? Kommt da einer extra wegen denen? Fakt ist, sie sind nun mal da und auf irgendeine Art und Weise müssen sie ja auch ihre Stadt gut finden, schließlich leben sie ja dort und verdienen dort ihr Geld. Einige auch mit Touristen. Die finden Berlin nämlich auch gut.
Also bleiben wir mal bei denen. Für einige Touristen fängt es auch damit an, dass sie am Flughafen Tempelhof landen, wenn man - so wie ich - aus dem Westen der Republik nach Berlin anreist. Die meisten Taxifahrer, die mich dann in die Innenstadt hinein fuhren (kostet in Berlin übrigens einiges weniger als anderswo in Deutschland), hießen Ali oder Yusuf und die waren stets sehr freundlich. Insbesondere was das Auffinden von Schleichwegen betraf, wenn gerade mal wieder eine Hauptverkehrsader wegen eines politischen Besuchers weiträumig abgesperrt war. Doch, die schimpfen auch ab und zu. Aber nicht wegen der Touristen, sondern höchstens mal wegen der sogenannten „Nullnummern“, die ich noch aus Bonn kenne, als uns hier die Diplomaten mit ihren 0- Kennzeichen und ihren ortsfremden Fahrkenntnissen in Erstaunen versetzten.
Aber jetzt mal Hand aufs Herz. Ich komme selbst aus einer mittlerweile touristischen Hochburg, genau gesagt aus Koblenz. Klar, kein Vergleich, aber hier bestaunten schon vor 30 Jahren Besucher aus Italien, Spanien, Holland und den USA das „German Corner“ und die vielen „magic Castles“. Erschwerend kam hinzu, die fragten wirklich mal nach dem Weg. Besonders schön war, wenn mitten in der aus Einbahnstraßen bestehenden Altstadt ein Bus mit 85 Italienern hielt und man nach einem netten Restaurant mit rheinischer Küche gefragt wurde. Das erforderte schon mal Erklärungen „con mani e piedi“.
Ok, Koblenz ist stattgegebener Maßen schon beginnendes südliches Rheinland und der Rheinländer ist ja eher als aufgeschlossen bekannt. Deshalb gibt es auch hier Rhein auf-Rhein ab Verkehrsstaus zu den Top-Ausflugszeiten und an den Promenaden gibt es an sonnigen Sonntagen schwerlich einen Parkplatz für mich als Einheimischen.
Kopf hoch, liebe Berliner! Ihr braucht jetzt nicht noch post-murum an so etwas wie Freundlichkeit zu gewöhnen. Ist ja auch nicht jedem gegeben. Und dass der Bus in Berlin eine Einbahnstraße findet um einen verdutzten Einheimischen nach einem Restaurant mit Spreewald-Gurken-Rezepten zu fragen, ist eher unwahrscheinlich – dem Internet sei Dank!
Also bleibt locker. Und besonders zu Messen, die sicherlich Touristen anziehen - dann einfach lieber zu hause. Ihr könnt euch ruhig auf rheinische Blogger wie mich verlassen. Und – im Vertrauen - auch auf eure Touristen, die zwar nicht „was issn dette?“ verstehen, dafür aber mittlerweile über eure Stadt twittern, bloggen, surfen und immer gerne wiederkommen, so wie ich.
